Let´s talk about TEXtiles : ein Gespräch mit Kai Nebel über Hanf in der Textilindustrie

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„Wie wäre es mit Hanf? Leicht herzustellen, langlebig, biologisch abbaubar und günstig.“

– einer von vielen Kommentaren unter der Arte:Re Dokumentation Plastikmüll statt Mode, bei der ich und Kai Nebel mitgewirkt haben. Seither bekomme ich unzählige Mails zum Thema Hanf und Kai Nebel, der schon seit über 20 Jahren intensiv an der Thematik forscht, sowieso. Aber wie ist das eigentlich mit diesem Hanf? Ihr wisst, in der Textilindustrie ist es nie möglich, ein Thema zu glorifizieren, ohne nicht ein dickes fettes ABER hinterher zu werfen. Aus diesem Grund haben Kai und ich uns zusammengesetzt, er hat ein bisschen aus den letzten Jahren Hanf Forschung erzählt und ich habe versucht, das Riesenthema so zu filtern, dass alles für euch in einen Artikel passt.

Kai Nebel ist schon seit gefühlt einer halben Ewigkeit mit der Hanf Thematik beschäftigt und das hat in den 90er Jahren angefangen. Um so ein bisschen den geschichtlichen Backround zu verstehen muss man hier weit in das 20. Jahrhundert zurückblicken. Hanf war gerade im 2. Weltkrieg ein beliebtes Material, sowohl auf Deutscher als auch Alliierten Seite. Seile, Gurte und Uniformen waren aus Hanf – der lokalen Alternative zur importierten Baumwolle. Um es aber kurz zu machen: nach Kriegsende wurde der Anbau von Hanf in fast allen europäischen Ländern verboten. Die Synthetikfasern waren erfunden worden und da war es ein leichtes, dem Hanf ein Drogen- Schmuddel Image anzuhängen, welches dann eben zu Anbauverboten führte. In den 80er Jahren begann man sich dann wieder mehr auf natürliche Materialien zurück zu besinnen und Flachs im großen Stil anzubauen. 1996 wurde das Hanfverbot aufgehoben und ein europäischer Standard von 0,3% zulässigem THC Gehalt in den Nutzpflanzen entwickelt, um zu gewährleisten, dass der Hanf auch wirklich nur für industrielle Anwendungen und nicht als Droge kultiviert wird. So wurden also in den 90er Jahren erstmals wieder, nach einer langen Pause, Hanffelder angebaut. Vor allem wurden die vom Landwirtschaftsministerium subventioniert, um eine Alternative zu beispielsweise der Viehzucht zu schaffen. Außerdem wurden viele Forschungseinrichtungen, wie z.B. die Hochschule Reutlingen, gefördert, um Hanf gerade für technische Anwendungen, wie in Autoteilen oder Dämmstoffen, anwendungstechnisch weiterzubringen. Weiter wurden auch die Verfahren zur textilen Flächenherstellung genauer betrachtet. Um sich das noch mal vors Auge zu rufen: es gab also in den 90er Jahren Subventionen sowohl für die Landwirtschaft, als auch Forschung, um Hanf als Faser in technischen und textilen Anwendungen wieder groß zu machen. Eine heimische Nutzpflanze verknüpft mit der Stärkung der lokalen Landwirtschaft und der deutschen Textilindustrie. In dem ein oder anderen grün versifften Ohr müsste es jetzt klingeln. Wow – das klingt ja irgendwie ziemlich cool und echt nach Lösung. Well.. und jetzt kommt das ABER:

Um das ABER zu verstehen, müssen wir erst mal Grundlagen schaffen – hier als Hanffaser Materialkunde im Schnelldurchlauf :

Die Hanf Pflanze:

Ich bin kein Botaniker aber so viel verstehe auch ich: Hanf ist nicht gleich Hanf. Um eine textile Qualität mit Hanf erzielen zu können braucht es Textil Hanf. Dieser hat besonders gleichmäßige, feine und lange Fasern. Außerdem muss der Landwirt, wenn er Hanf anbaut, sich erstens intensiv um die Pflanze kümmern, um eine gute Qualität liefern zu können, und macht außerdem Abstriche in der Wirtschaftlichkeit, weil er den Hanf ernten muss bevor die Samen reif sind. An sich ist Hanf aber in der Fruchtfolge sinnvoll, sagt Kai Nebel.

Hanf wird oft, als eine sehr wasserarme und pestizidarme Pflanze beschrieben. Das ist so auch nicht ganz richtig. Eigentlich benötigt Hanf sogar mehr Wasser als Baumwolle, wird aber eben nur in sehr grundwasser- und niederschlagsreichen Gegenden angebaut. Das Gerücht, Hanf könne man in jeder Klimazone anbauen, stimmt so also nicht. Für Hanf braucht es außerdem auch Herbizide und Pestizide, wenn er im großen Stil angebaut wird. Vielleicht nicht so viel, wie im Baumwollanbau, aber so ganz öko läuft der Spaß auch nicht ab. Weiter ist die Hanfpflanze gar nicht so einfach vom Feld zu holen, erzählt Kai. Dadurch dass Hanf so unglaublich fest und stabil ist, kann er sich leicht in den Mäh- und Schneideaggregaten von großen Maschinen verwickeln.

Von der Pflanze über die Faser zum fertigen Textil:

Man muss bei Hanf verstehen, dass die Natur hier nicht schon eine fertige Faser, wie zum Beispiel bei der Baumwolle, liefert. Die Fasern liegen im Stängel der Hanfpflanze vor und man muss da irgendwie rankommen. Das „leicht herzustellen“ ist also eine ziemlich naive Aussage.

Gehen wir mal die berühmte Bierdeckel Rechnung durch: von einem Hektar Hanf bekommen wir etwa 7-10 Tonnen Hanfpflanzen. Aus diesen 7-10 Tonnen bekommen wir ungefähr 25% Rohfasern. Und von den 25% Rohfasern bleibt im Endeffekt noch 1 Tonne brauchbares Fasermaterial übrig. Wow. Das ist eine ganze schön ernüchternde Rechnung. Aber wie kommt es dazu? Wie bekomme ich nun eigentlich die Faser aus der Pflanze? Dafür braucht es das sogenannte Rösten – ein Aufschlussverfahren. Und da gibt es verschiedene Arten. Man kann das chemisch, biologisch oder mit Dampf machen, beziehungsweise diese Verfahren kombinieren.

Der Prozess besteht grob gesagt darin, den Hanf zu entholzen, um eben an diese Faserbündel in der Pflanze zu kommen. Nach diesem Schritt muss die Pflanze dann noch durch mehrere Maschinen geführt werden, um dann auch die Fasern mechanisch von Holzresten zu trennen, auszureinigen und voraufzulösen. Die erhaltenen Faserbündel können jetzt für technische Anwendungen wie Autotüren oder Dämmmaterial verwendet werden. Für eine bekleidungstextile Anwendung müssen die Faserbündel noch weiter verfeinert werden. Das ist oft Handarbeit. Für eine vergleichsweise feine und weiche Qualität, wie die der Baumwolle, braucht es außerdem noch Chemie und mehr Mechanik, weil die Hanffasern von Natur aus eher steif, ungleichmäßig und in kompakten Bündeln zusammengeklebt sind. Diese Klebesubstanzen müssen daher chemisch weitestgehend entfernt werden, um die Fasern fein und weich zu bekommen.

Die Fasern können jetzt mit modifizierten Maschinen aus der Baumwollindustrie versponnen werden, um das Garn verstricken oder verweben zu können.

So – Ende der Materialkunde. Jetzt habt ihr genug Basis Wissen, damit wir uns um das ABER kümmern können.

Für die Herstellung von Hanffasern braucht es also, so wie für jeden textilen Prozess, spezielle Maschinen und die nötige erfahrene Industrie. Es braucht Kompetenz und Erfahrung in Bezug auf den Anbau der Fasern, die Aufschlusstechnologie und das Verspinnen der Fasern. Und da kommen wir zu einer Frage, die ich recht häufig gestellt bekomme.

„Wie sieht es mit der Infrastruktur und der Verfügbarkeit für die Textilindustrie aus?“

Das, was mir Kai auf diese Frage erzählt, hatte ich mir irgendwie schon gedacht: seit 2008 bis heute verschwindet die Hanf Industrie. Maschinen werden verkauft. Hanffelder durch Mais und Rapsfelder ersetzt, und Spinnereien in Rumänien machen lukrativeren Nähereien Platz. Woran das liegt, will ich wissen. Immerhin flossen da ja gerade am Anfang, so meint man, genug Gelder, um genau dieses Szenario zu verhindern.

Da gibt es verschiedene Gründe, meint Kai Nebel. Zum einen ist der deutsche Föderalismus zu nennen. Man hätte damals eine Prozesslinie von Anfang bis Ende aufbauen und ausbauen müssen. Nicht hier ein bisschen Landwirtschaft, da ein bisschen Forschung unterstützen. Nein – denn der Landwirtschaft nützt es nichts, wenn die Maschinen zur Weiterverarbeitung nicht da sind, und der Forschung und vor allem der Industrie bringt es nichts, wenn kein qualitativ hochwertiger Rohstoff vorhanden ist. Man hätte alle Schritte entlang der Prozesslinie unterstützen und Geld in die Entwicklung neuer Technologien stecken müssen.

Die stoffliche Nutzung der heimischen Fasern wie Flachs, Hanf und Brennnessel, wurde zwar stark subventioniert, jedoch gelang es nicht die Industrie in die Produktionskette mit einzubinden. Die Modeindustrie gierte zwar geradezu nach Hanf & Co, wollte sich aber nicht an der Fasererzeugung beteiligen. Es fehlte einfach auch ein Industriezweig, der aus einem landwirtschaftlichen Rohstoff ein für die Textilindustrie verarbeitbare Faserqualität erzeugt.

Kai meint, dass er gerade in Ostdeutschland und Osteuropa großes Potential gesehen hätte, aber eben nur mit der richtigen und angemessenen monetären Unterstützung und dem Engagement der Textilindustrie – und die blieb aus.

Ein weiteres Problem war und ist der Weltmarktpreis von Hanf. Bei 50ct auf das Kilo konnte Europa da nicht mithalten. Es hätten mindestens 65ct/kg gebraucht, damit sich das Ganze auch für die Landwirte lohnt. Wie euch vielleicht schon im oberen Abschnitt über die Herstellung von Hanf aufgefallen ist, braucht es ganz schön viele Schritte und Hände um aus der Pflanze ein Garn herzustellen – diesen Aufwand war so niemand gewillt anständig zu bezahlen.

Der Traum von der regionalen Wertschöpfung mit vollstufiger Produktion in Europa – gescheitert an Geld und der falschen Art und Weise der Subventionierung.

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Die zweite Frage, die sich in meinem Kopf umtreibt, ist die,

ob man Hanf überhaupt so als Ersatzprodukt für Baumwolle verwenden kann und wie es eigentlich mit den Eigenschaften von der Hanffaser allgemein aussieht.

Hanf an sich, hat, wie alle Bastfasern, zu denen auch Flachs, Ramie oder Brennnessel zählen, gute Festigkeitswerte und eignet sich für robuste, grobe Stoffe wie Jacken oder Jeans.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Begriff der „Cottonisierung“ von oben aus der Materialkunde. Das ist ja der Schritt, den es braucht, um den Hanf so chemisch und mechanisch zu behandeln, dass er in etwa so weich wie Baumwolle wird. Wir erinnern uns vielleicht auch, dass hier die Rohmaterial Ausnutzung bei etwa 5% liegt. Ich denke ihr merkt so langsam, wie wenig Sinn es ergibt, mit Hanf eine beispielsweise Baumwoll T-Shirt Qualität herstellen zu wollen. Kai meint, dass es viel sinnvoller ist, Hanf in Mischungen einzusetzen. Das bedeutet, dass man den Hanf mit Fasern wie Baumwolle mischt, und von der Länge der Fasern des Hanfes profitiert, die dann das stabile Gerüst des Garnes bilden. Ein Jeansstoff aus 50% Hanf und 50% Baumwolle oder Tencel, das wäre etwas, was Sinn ergeben und den Stoff in seiner Qualität unterstützen würde. Vorausgesetzt, es wird natürlich ein qualitativ hochwertiger Textilhanf verwendet.

Allgemein muss man hier natürlich auch immer berücksichtigen, dass man bei einer 50% / 50% Mischung auch einen 50% höheren Maschineneinsatz hat, weil man ja die Baumwolle und den Hanf verarbeiten muss und durch den Hanf die Maschinenproduktivität quasi halbiert wird. Das kostet Geld und das muss sowohl von der Industrie als auch vom Kunden bezahlt werden.

Wer verwendet denn jetzt eigentlich noch Hanf und wo wird er im großen Stil angebaut und verarbeitet?

Da ist in der Anwendung vor allem die Technische zu nennen. Also Dinge wie Autoteile, Gartenbau, Dämmmaterial oder Tiereinstreu. Frankreich ist im Übrigen eines der Länder, in denen der Hanfanbau die ganze Zeit über nie verboten war, weil dort Zigarettenpapier und Dokumentpapier aus Hanf hergestellt wird. Eine Industrielle textile Hanfproduktion heutzutage gibt es hauptsächlich noch in China. Bedeutet, wenn ihr ein Textil aus Hanf kauft, wird es höchstwahrscheinlich Importware aus Asien sein.

Eine nennenswerte Industrie an sich in Europa gibt es aber so nicht, sagt Kai Nebel. Fakt ist einfach, dass es in Deutschland keine Infrastruktur für den Aufschluss und die Verarbeitung gibt. Selbst wenn man jetzt wieder Textil Hanf anbauen würde, müsste man diesen Exportieren, um ihn Verarbeiten zu können.

Ich hoffe, dass diese Riesen Ladung an Informationen und Insider Wissen euch ein bisschen erleuchtet hat. Mir persönlich hat dieses Gespräch über Hanf extrem viel gebracht und noch einmal die Komplexität eines solchen Themas vor Augen geführt.

Ich danke Kai Nebel für die Zeit und freue mich über eure Gedanken und Fragen zu diesem Thema.

Kategorie Ethical Fashion, Let's talk about Textiles

Ich will ein Teil der „Generation Textilingenieur*innen“ sein, die sich an dem David-gegen-Goliath-Spiel in der Textilindustrie versucht – in grün natürlich. Deswegen glaube ich fest daran, dass Wissen Macht bedeutet und jede*r Konsument*in das Recht darauf hat, zu erfahren, was hinter den Produkten steht, die sie täglich konsumieren oder auf der Haut tragen. Lasst uns Anfangen nachzudenken und die richtigen Fragen zu stellen! Die Homepage unserer Chiengora Wolle findet ihr unter https://modusintarsia.com/

2 Kommentare

    • Franziska Uhl

      Hallo Tanja,
      sehr sehr gerne! Das freut uns wenn wir dir mit diesem Artikel etwas weiterhelfen konnten!

      Liebe Grüße

      Franziska

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